Das Jahr 1920: Ein Wendepunkt zuviel? (Rezension)

Gibt es eigentlich noch ein Jahr im 20. Jahrhundert, zu dem keine historisch-kulturelles Panorama existiert? Ein Jahr, das nicht zur Zäsur, zum Wendepunkt oder dergleichen ernannt wurde? Das Jahr 1920 ist nun auch in den Kreis der Very Important Calender Years (VICY) aufgenommen und mit einer Monografie beehrt worden. Passend terminiert erschien Wolfgang Martynkewicz Jahresschau „1920: Am Nullpunkt des Seins“ kurz bevor sich das Säkulum jährte. Die Zwischenkriegszeit als Zeit der Umwälzungen, der intellektuellen Paradigmenwechsel, als Schwelle zur europäischen Moderne bietet schließlich – auch geistesgeschichtlich – genug Anknüpfungspunkte.

Martynkewicz möchte anhand von fünf Intellektuellen – und das Gendern habe ich hier nicht vergessen, es sind tatsächlich nur Männer – einen Wendepunkt der europäischen Geistesgeschichte illustrieren, den er im Jahr 1920 und drum herum verortet.

Schon richtig, so genau sollte man geschichtliche Entwicklungen ja auch nie in nur ein Kalenderjahr sperren. Anders als z.B. in Florian Illies Musterbeispiel für Jahresanthologien (1913) mag aber ein richtiger Geschichtensog bei diesem Eklektizismus nicht wirklich entstehen. So wird das Versprechen, im ersten Teil die „Oberflächenphänomene aus dem Jahr 1920“ zu vermitteln, nicht ganz eingelöst. Übrigens auch in diesen einführenden Bemerkungen: Fokus auf Very Important Men.

Nur zu bekannt wirken die wütenden Reaktionen der Menschen auf die ihrem Vernehmen nach komplexer werdende Welt. Einstein mit seiner Relativitätstheorie war, neben dem Antisemitismus, auch deshalb ein Hassobjekt – dem Döblin entgegenschmettert, dass man die Gelehrten früher wenigstens noch verstanden habe. 100 Jahre später, inmitten einer Weltseuche, kommt einem einiges aus dem in diesem Zusammenhang vorgestellten wunderbarem Panorama an Zitaten nur zu vertraut vor.

Im Teil zwei – der den größten Teil des Buches einnimmt – stellt Martynkewicz Werk und Einfluss von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Ernst Jünger und Walter Serner in den Kontext, mit einem Fokus auf deren Schaffen und Werdegang rund um das Jahr 1920. Was gewiss stellenweise unterhaltsam ist. Einige der Protagonisten haben sich in Wirklichkeit nie getroffen – da kann es durchaus anregend sein, diesen Austausch zu inszenieren und den Zeitgeist zu diagnostizieren. Das Buch bietet in der Tat eine Fundgrube an Zitaten, eine spannende Auswahl an Quellen und Personen, kenntnisreich aufbereitet, ein Portrait einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft, die an zu vielen Baustellen gleichzeitig laborierte. Das Abwegigere, kanon-fernere kommt dabei leider ein wenig zu kurz.

Wolfgang Martynkewicz: 1920. Am Nullpunkt des Seins. Aufbau 2019.